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Foto: Ines Gast (Jugendsozialwerk Nordhausen e.V.)

Teil 3: Logbuch einer Interkulturellen Klassenfahrt

Mittwoch, 12.10.2011

10:00 Uhr

Es steht ein Theaterbesuch auf dem Programm. Zur Einstimmung auf das aktuelle Jugendstück bekommen die Schüler Aufgaben. Es gilt beispielsweise die Hauptdarsteller zu charakterisieren und ihre Entwicklung zu beschreiben. Die Klasse kommt sehr begeistert aus dem Theater zurück. Die Lehrer nehmen hilfreiche Anregungen zur weiteren Arbeit am Stück im Deutsch-Unterricht mit.

14:00 Uhr

Es  regnet immer noch. Schade. Die erlebnispädagogischen Aktionen machen draußen einfach mehr Spaß. Aber wir verlegen alles ins Haus. Das geht auch.

Die Aufgaben sind anspruchsvoll. Teamarbeit ist gefragt und vorausschauendes Denken. Das ist nicht Jedermanns Sache. Es werden auch nicht alle Aufgaben bewältigt. Zum Teil liegt es daran, dass nicht alle guten Ideenansätze gehört und aufgegriffen werden. Diese kommen wahrscheinlich nicht immer von den anerkannten Führern der Klasse, die sich dann doch mit ihren energischen und lautstarken Anweisungen durchsetzen und immer wieder in die gleiche Sackgasse geraten. Es gibt aber auch durchaus erfolgreich verlaufende Spontanaktionen. Bei der Flussüberquerung mit den schwimmenden Inseln legen die Wortführer der Gruppe einfach los. Der richtige Lösungsweg ergibt sich fast automatisch beim Tun. Dilan hatte zu einem Lösungsvorschlag angesetzt, sich dann aber zurückgehalten, als die Jungs loslegten und aufmerksam das Geschehen beobachtet. Sie übernahm dann stillschweigend die Verantwortung als Nachhut der Gruppe zu gehen, die nur noch einen Vordermann zur Hilfestellung hat. Auch diese nutzte sie erst, nachdem ihr eine Insel verlorenging, weil sie sich allein über eine große „Wasserfläche“ bewegen wollte.

Die Reflektion zeigte, dass die Schüler Spaß an diesem Gruppenerlebnis hatten. Dass sie Spaß daran hatten, sich als Gruppe zu beweisen, zeigte die Bereitschaft, die erste Übung mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad zu wiederholen – nämlich eine Gruppe von 13 Schülern in einem einzigen Reifen zu versammeln..

15:30 Uhr

Organisatorische Absprachen für die interkulturelle Party.

Es werden Aufgaben verteilt, sich um Musik, Moderation, Essen, Spiele und Dekoration zu kümmern. Die Bereitschaft zur Mitwirkung ist groß. Viele Schüler tragen sich gleich in mehreren Gruppen ein. Die ersten Absprachen werden getroffen. Das Team des Fröbelhauses wird sich um die Bereitstellung der notwendigen Materialien kümmern.

16:00 Uhr

Kreativaktion Das ist Klasse!

Ein Karton wird bereitgestellt. Er ist unterteilt in 26 Rechtecke. Jede Fläche soll von je einem Schüler gestaltet werden. Sie sollen dabei zum Ausdruck bringen, wer sie selbst sind, welche Stärken sie in die Klasse einbringen, wo sie sich zu Hause fühlen, was ihnen an der Klasse wichtig ist. Es stehen Papier, Zeitschriften und Zeitungen, Scheren, Stifte, … zur Verfügung Diese Anregung zur Selbstreflektion wird von den meisten sehr konzentriert genutzt. Ich bin erstaunt, wie intensiv die Klasse sich der Aufgabe widmet.

Kayra setzt einen Impuls, der sich unter einer ganzen Reihe von Mädchen fortsetzt. Sie zeichnet das Zeichen für „weiblich“ auf ihr Blatt, später dann auch auf etliche Blätter anderer Mädchen, denen allen ihre Weiblichkeit viel bedeutet. Die Schüler tauschen sich untereinander aus: „Wie bin ich denn? Was für eine Persönlichkeit habe ich?“ Die Antworten schlagen sich auf den Papieren nieder. Bei vielen Schülern finden sich Familie und Freunde als wichtige Personen. Aber auch Lehrer und Lehrerinnen. Kayra legt Wert darauf, dass ihr Blatt nicht nur inhaltlich stimmt, sondern auch schön aussieht. Keine der anderen Schüler schafft eine so überzeugende Komposition. Hinter allem liegt ein Kreuz. Ich muss unbedingt fragen, was das bedeutet. Die deutsche Flagge mit dem türkischen Halbmond in einer Ecke hatte ich falsch gedeutet. Kayra ist nicht die Deutsche mit dem türkischen Hintergrund. Sie ist die Türkin, die in Deutschland lebt und sich dort wohlfühlt. Es erstaunt mich, dass sie diesen Unterschied so klar artikuliert. Ein klassischer Hinweis auf die kulturelle Selbstreflektion.

Der Karton ist fertig beklebt. Die Schüler sind stolz auf das Ergebnis. Der Karton wird für die Evaluation genutzt werden. Danach geht er mit auf die Reise nach Köln und kann in der Schule weiter genutzt werden.

19:30 Uhr

Alles ist vorbereitet. Die Party beginnt. Das Moderatorenteam bedankt sich bei allen Mitwirkenden namentlich. Der sizilianische Schokoladenkuchen, den Alex mit anderen Jungen gebacken hat, wird probiert und für Klasse befunden. Alex hat mir beim Backen erzählt, dass er oft und gern mit seiner Mutti bäckt. Schließlich würde er ja auch gern Kuchen essen. Da habe ich wieder etwas gelernt – soviel zu meinem italienischen Jungenbild.

Die Musik  beginnt, und von da an gibt es kein Halten mehr. Die Mädchen tanzen, versuchen sich in ästhetischen Figuren. Die Jungen hüpfen gemeinschaftlich, so dass ich froh bin, dass wir uns  im Erdgeschoss befinden. Zwischendurch findet man sich immer wieder in heftigen, ausgelassenen Bewegungen zusammen. Die Lehrer werden hinzugeholt. Schüler, die schüchtern abseits bleiben, werden einbezogen. Die Schüler genießen das hemmungslose Miteinander. Und niemand schimpft und ruft sie zur Ordnung. Die vorbereiteten Spiele sind vergessen. Aber das scheint für alle in Ordnung.

Um 22:00 Uhr ist alles vorbei. Es wird aufgeräumt und gelüftet. Alle gehen auf Ihre Zimmer. Eine  Zeitlang führt man noch eine Konversation durch die offenen Fenster. Dann höre ich „Schlaft gut“, und mit einem Schlag ist Ruhe.

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Text: Ines Gast, Jugendsozialwerk Nordhausen e.V. (www.jugendsozialwerk.de)