Single

Foto: Fotolia © puje

Über das Vergleichen von Bildungsstandards

Im Zuge der PISA – Studie* vergleicht Deutschland seine Bildungsstandards mit denen anderer Länder. Doch wie groß kann und darf die Orientierung an anderen Ländern sein? Bildungssysteme stehen immer auch für Normen und Werte eines Landes und schließlich auch für politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen.

Ein paar Gedanken über das Vergleichen von Bildungsstandards

Gerne vergleichen wir uns mit den besten. Bei PISA 2009 sind dies in den Naturwissenschaften China (Shanghai) auf dem 1. Platz und Finnland auf dem 2. Platz – Deutschland nimmt den 13. Platz ein.

Wie effektiv und zielführend ist ein Vergleich mit chinesischen Standards? Einem Land, in dem Leistungsdruck und Drill zu Top Ergebnissen in der PISA Studie führen. Obwohl China eine der ältesten Hochkulturen  ist und wesentliche Erfindungen vom  Papier bis zum Kompass aus dem fernen Osten stammen, macht die Volkrepublik heute doch eher durch Patentrechtsverletzungen und schlechte Arbeitsbedingungen auf sich aufmerksam. Chinesische Unternehmen beklagen, dass es den Hochschulabsolventen an sozialem Einfühlungsvermögen fehlt. In Ländervergleichsstudien zu den Themen Kreativität und Phantasie bewegt sich China auf den untersten Rängen. Möchte sich Deutschland, das Land der Dichter und Denker wirklich mit China vergleichen?

Ein Vergleich mit dem finnischen Bildungssystem liegt unserer deutschen Kultur zwar näher, die Bedingungen sind jedoch auch hier kaum vergleichbar. In einem Land mit ca. fünf Millionen Einwohnern sind tendenziell kleine Klassengrößen und ein Ausländeranteil von zwei Prozent gängige Praxis. In Deutschland liegt der Ausländeranteil bei neun Prozent.

Grundsätzlich lässt sich im Zeitalter weltweiter Konkurrenz und ständiger Entwicklungen in Forschung und Wirtschaft, ein Vergleich mit anderen Ländern nicht vermeiden. Da die Bundesrepublik ihren Status als Wirtschaftsgröße nicht verlieren möchte, kann es von großem Nutzen sein, von gut funktionierenden Systemen zu lernen.

Das Besinnen auf die eigenen Werte

Es ist keine leichte Aufgabe festzulegen, welche Bereiche des bestehenden Bildungssystems es zu überarbeiten gilt und woran ein Land festhalten sollte. Ein Blick in das Nachbarland kann wegweisend sein, eine Bestandsaufnahme der eigenen Ideale und Werte ist jedoch Voraussetzung.

Lässt man Arbeitgeber in Deutschland zu Wort kommen, so sind es vor allem soziale Kompetenzen und praktische Erfahrungen die Schüler und Studenten für die Arbeitswelt mitbringen sollten und die häufig bei Bewerbern fehlen. Auch dieses Wissen sollte Teil einer kritischen Betrachtung sein.

Blicken wir aber auf aktuelle Entwicklungen in Schulen und an Universitäten fragt man sich, welche Kriterien und Stimmen bei der Gestaltung von Bildung berücksichtigt wurden.

So wird beispielsweise die Schulzeit nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten verkürzt.

Durch starken Leistungsdruck und eine hohe schulische Belastung verzichten Jugendliche immer häufiger auf ehrenamtliches Engagement oder gemeinschaftliche Aktivitäten in Vereinen. Aber gerade in diesem Bereich entwickeln junge Menschen soziale und persönliche Kompetenzen.

Wie groß kann und darf die Orientierung an anderen Ländern also sein?

Die Frage sollte lauten: Welche Bildung – mit welchen Inhalten und welchem Ziel - möchten wir unseren Schülern mitgeben, die unser aller Zukunft mitgestalten werden.

Und erst in einem zweiten Schritt sollten Bildungssysteme und erfolgreiche schulische Praxis anderer Länder betrachtet werden. Nach einer kritischen Analyse können dann einzelne Elemente übernommen bzw. an die jeweiligen Bedarfe der Bundesländer angepasst werden.

Auszug aus dem Schulgesetz: Erster Teil, Erster Abschnitt, § 2


 (5) Die Schülerinnen und Schüler sollen insbesondere lernen

  1. selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln,
  2. für sich und gemeinsam mit anderen zu lernen und Leistungen zu erbringen,
  3. die eigene Meinung zu vertreten und die Meinung anderer zu achten,
  4. in religiösen und weltanschaulichen Fragen persönliche Entscheidungen zu treffen und Verständnis und Toleranz gegenüber den Entscheidungen anderer zu entwickeln,
  5. die grundlegenden Normen des Grundgesetzes und der Landesverfassung zu verstehen und für die Demokratie einzutreten,
  6. die eigene Wahrnehmungs-, Empfindungs- und Ausdrucksfähigkeit sowie musisch-künstlerische Fähigkeiten zu entfalten,
  7. Freude an der Bewegung und am gemeinsamen Sport zu entwickeln, sich gesund zu ernähren und gesund zu leben,
  8. mit Medien verantwortungsbewusst und sicher umzugehen.

 

*Programm zur internationalen Schülerbewertung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Seit dem Jahr 2000 werden in dreijährigem Turnus die Bereiche Lesekompetenz, mathematische Kompetenz und naturwissenschaftliche Grundbildung untersucht.