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Foto: Jeremy Seitz (CC BY 2.0)

„Fünf Minuten vor der Zeit, ist des Deutschen Pünktlichkeit“

Der Deutsche hat den Ruf fleißig, pünktlich und tüchtig zu sein, der Chinese zeigt eine enorme Ausdauer und Geduld, wenn er ein Ziel erreichen möchte und in südamerikanischen Ländern spielt der Zusammenhalt in der Familie eine besonders große Rolle. Alles nur Vorurteile? Nicht ganz.

Um Erklärungen für solche kulturtypischen Eigenschaften zu finden und unterschiedliches Denken und Verhalten besser miteinander vergleichen zu können, entwickeln Wissenschaftler Theorien und Modelle. Diese zeigen, dass die Kultur durchaus Einfluss auf die Lebensart einer Gesellschaft hat. Eines der bekanntesten Kulturmodelle ist das des Kulturwissenschaftlers Geert Hofstede. Auf der Grundlage seiner Forschungen in international tätigen Unternehmen beschreibt er fünf Dimensionen kulturspezifischer Verhaltensweisen.

Unsicherheit vermeiden

„Fünf Minuten vor der Zeit,…“ Der Umgang mit Zeit fällt in die Dimension der Unsicherheitsvermeidung. Diese gibt nicht nur Auskunft darüber, wie pünktlich die Menschen in einer Kultur sind, sondern sie beschäftigt sich vor allem damit, ob Kulturen mit unvorhergesehenen Situationen besser oder schlechter umgehen können. In Ländern mit stark ausgeprägter Unsicherheitsvermeidung, wie Russland, Japan oder auch Griechenland ist das Bedürfnis nach Regeln und Grenzen sehr groß. Neue Gedanken bereiten eher Angst. So wird auch viel Wert darauf gelegt, dass Arbeitsprozesse und –vorgänge fristgerecht abgeschlossen werden. Im Jahr 2009 belegten bei einer weltweiten Untersuchung zur Pünktlichkeit, zwei japanische Fluggesellschaften die ersten zwei Plätze. In Ländern in denen die Menschen mit unvorhergesehenen Situationen besser umgehen können, wie in Ostafrika, Asien oder auch Großbritannien und Schweden, ist die Toleranz gegenüber neuen Gedanken und Situationen sehr groß. Regeln spielen eine untergeordnete Rolle. Auch der Umgang mit Zeit und Pünktlichkeit wird eher locker gehandhabt. Deutschland bewegt sich hier im Mittelfeld.

Ausdauer und Geduld

Geht es darum, der Zeit zum trotz, nicht aufzugeben und seine Vorhaben über lange Zeiträume hinweg zu verfolgen, so bewegen wir uns in der Dimension der Langzeitorientierung. Schon Konfuzius sagte: „Viele Fehler entstehen durch Eile“ und ein Blick auf chinesische Sparkonten zeigt, Geduld zahlt sich aus. Die chinesische Bevölkerung erweist sich nämlich als besonders ausdauernd und selbstdiszipliniert, wenn es darum geht, Ziele auch über lange Zeiträume hinweg zu verfolgen. China hat wie die meisten langzeitorientierten Länder eine besonders hohe Sparquote: Circa ein Drittel des Jahreseinkommens wird auf die Seite gelegt, um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und für das Alter vorzusorgen. Neben dem von Hofstede geprägten Begriff der Langzeitorientierung steht die Dimension Kurzzeitorientierung. In Ländern, in denen diese vorherrscht, sind schnelle Ergebnisse Handlungsmotivation. Das ist zum Beispiel in den USA der Fall.

Selbstverwirklichung und Gruppendenken

„The American Dream“ - die Möglichkeit sich aus eigener Arbeitskraft vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten ist ein Symbol für den Individualismus, wie er in den USA gelebt wird. Die persönliche Entfaltung steht dem eher gruppenbezogenen Handeln gegenüber, dem Kollektivismus. In kollektivistisch geprägten Regionen wie Südamerika oder auch Ostafrika, ist die Einzelperson stärker integriert in die Gruppe und die Familie. Dort ist es wichtig Teil einer Gruppe zu sein, da diese Versorgung und Schutz in der Armut bietet.

Macht haben und ausüben

Schreibt ein Despot wie Muammar al-Gaddafi in seine politische Leitschrift „Das grüne Buch“, dass nun „die Reihe an der schwarzen Rasse ist, in der Welt die Oberhand zu gewinnen“, so spricht dies für ein Land in dem Macht eine große Rolle spielt. Die Dimension Machtdistanz beschreibt, wie viel Bedeutung Macht in einem Land hat. In Libyen und vielen anderen arabischen Staaten ist der Machtdistanzwert sehr hoch. Einerseits wird Macht als ein wichtiges Instrument der Politik ausgeübt, andererseits wird die Ausübung von Macht über viele Jahre hinweg von der Bevölkerung akzeptiert.

Rollenverständnis

Die Dimension Femininität/Maskulinität beschreibt, wie eine Kultur mit Rollen und Rollenmustern umgeht. Ein Beispiel hierfür ist der Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. So stellt in Italien, laut einem richterlichen Beschluss aus dem Jahr 2006/2007  „…ein einmaliger Schlag auf das Hinterteil keine sexuelle Belästigung dar.“  Italien liegt in dieser Kulturdimension im Bereich der Maskulinität, die skandinavischen Länder eher im Bereich der Femininität. Dies spiegelt sich auch beim Frauenanteil in Führungspositionen in börsennotierten Unternehmen wieder. In Schweden und Finnland liegt der Anteil bei 26 Prozent, in Deutschland bei 18 Prozent und in Italien bei 5 Prozent.

Andere Wissenschaftler untersuchen und vergleichen weitere Kulturmerkmale und Verhaltensmuster. Sie stellen zum Beispiel das menschliche Handeln, die Kommunikation, das Umfeld, den Raum oder auch das Denken in den Mittelpunkt ihrer Forschungsarbeiten.

All diese Merkmale dienen dem Verständnis und der Orientierung in und mit anderen Kulturen. Sie erleichtern den Umgang mit ausländischen Kollegen und helfen  Besonderheiten in anderen Ländern leichter einzuordnen und zu verstehen.

Wichtig ist jedoch, diese Modelle kritisch zu betrachten und nicht zu verallgemeinern.

Menschen werden natürlich durch die Kultur in der sie leben geprägt, genauso jedoch durch die wirtschaftliche Lage in ihrem Land sowie ihre Schicht- und Religionszugehörigkeit. Bedeutsam sind auch das soziale Umfeld, der Beruf, die Erziehung und psychische Faktoren.

Wer gerne mehr über Hofstedes Kulturmodell erfahren möchte oder Interesse daran hat, die Merkmale der eigenen Kultur mit denen anderer Länder zu vergleichen, kann sich kostenlos auf folgender Website informieren: http://www.geert-hofstede.com.

Gerard Hendrik Hofstede wurde am 2. Oktober 1928 in den Niederlanden geboren. Als emeritierter Professor für Organisationsanthropologie und Internationales Management analysiert und erforscht er Zusammenhänge zwischen nationalen Kulturen und Unternehmenskulturen.